Der deutsche Aussprachestandard – was ist „richtige“ deutsche Aussprache?
- Clarissa Lohr

- 22. Jan.
- 5 Min. Lesezeit
Was ist eigentlich die richtige deutsche Aussprache? Und wer entscheidet, was als korrekte Aussprache gilt?
Was ist eigentlich die richtige deutsche Aussprache?
Für die Schriftsprache haben wir klar definierte Rechtschreibregeln, die vom Rat für deutsche Rechtschreibung festgelegt werden. Aber was ist eigentlich mit der Aussprache? Wenn wir dir erklären, dass du ein Wort falsch ausgesprochen hast, was meinen wir überhaupt damit? Falsch nach welchem Maßstab?
Gibt es eine Norm für die deutsche Aussprache?
Es gibt eine Norm für die deutsche Aussprache. Diese Standardaussprache gilt allerdings nicht für normale Gespräche, sondern für Personen, die professionell sprechen, zum Beispiel im Radio, in den Nachrichten, als Schauspieler und so weiter.
Die meisten Muttersprachler des Deutschen sprechen nicht so, wie diese Norm es vorschreibt. Einige sind zwar nah dran, aber es gibt immer einige Abweichungen. Wer professionell sprechen will, muss oft erst mal lernen, wie das geht.
Für dich und andere fortgeschrittene Deutschlernende wäre dieses Ziel zu überambitioniert. Du hast keinen Grund, „korrekter“ als Muttersprachler*innen zu sprechen, zumal man in diesem Kontext sowieso nicht von „Korrektheit“ sprechen kann, da die Normierung nie für normale Gespräche im Alltag und Beruf gemeint war.
Aber was ist dann dein Ziel? Welche Ausspracheform möchtest du eigentlich anstreben?
Welche Aussprache ist für Deutschlernende sinnvoll?
In der Online-Akademie nehmen wir an, dass du dich Muttersprachlerinnen einfach möglichst gut anpassen möchtest, sodass du im Alltag einfach nicht besonders auffällst und dich in die breite Masse einfügst. Was wir dir bzw. unseren Teilnehmern beibringen, orientiert sich also immer daran, wie Muttersprachler authentischerweise sprechen würden, aber nicht unbedingt, wie Nachrichtenmoderatorinnen sprechen würden.
Wir bringen dir gesprochene Umgangssprache bei, so wie sie Muttersprachler im Alltag und im Beruf verwenden. Der Begriff ist oft negativ konnotiert, aber eigentlich völlig ohne Grund.
Umgangssprache ist das, was in den meisten sozialen Situationen völlig angemessen ist, auch bei der Arbeit. Wer wie ein Nachrichtensprecher sprechen würde, würde überartikuliert und fehl am Platz wirken.
Ein zentrales Merkmal dieser gesprochenen Umgangssprache sind sogenannte Assimilationen, die dafür sorgen, dass Wörter im Deutschen nicht isoliert, sondern fließend miteinander verbunden werden.
Umgangssprache, Dialekt und regionale Variation
Aber wenn die Aussprache von Muttersprachlern nicht standardisiert ist, gibt es dann nicht viel Variation? Sprechen dann nicht alle Muttersprachler*innen unterschiedlich?

Jein. Früher, vor mehreren hundert Jahren, war die Umgangssprache gleichbedeutend mit Dialekten, weil sie räumlich sehr eingegrenzt war. Die Umgangssprache hat sich von Dorf zu Dorf unterschieden, so wie es heute in der deutschsprachigen Schweiz immer noch der Fall ist.
In Deutschland und Österreich dagegen haben sich die Dialekte im Laufe der Zeit (zum Beispiel durch Mobilität, Massenmedien und Stigmatisierung von Dialekten) immer mehr einander angeglichen und auch der standardisierten Norm angenähert, sodass sie immer großräumiger geworden sind. Die Umgangssprache wurde homogenisiert, sodass man in gewisser Hinsicht heute von einer annähernd deutschlandweiten Umgangssprache und einer annähernd österreichweiten Umgangssprache reden kann.
Auch darin gibt es noch vereinzelt regionale Merkmale, aber viele artikulatorische Besonderheiten gelten tatsächlich über einen weiten Sprachraum hinweg. Nur sehr wenige sprechen heute einen wirklichen traditionellen Dialekt, sondern eher eine Art Hybridform aus Standard und Dialekt, die der Norm für professionelle Sprecher relativ nahe kommt, aber auch einige überregionale Abweichungen von dieser Norm beinhaltet und außerdem von Einflüssen des lokalen Dialekts geprägt ist.
Was bedeutet das konkret für dein Aussprache-Ziel?
Was bedeutet das also für dein Ziel, dich Muttersprachlern möglichst anzupassen?
Hier muss man unterscheiden zwischen den Merkmalen, die wirklich im ganzen Sprachraum verbreitet sind, und denen, die regional ein bisschen eingegrenzter sind.
Für diejenigen Merkmale, die wirklich im gesamten Sprachraum vorhanden sind, musst du dir gar keine Gedanken machen. Egal wo du wohnst, es ist besser, wenn du diese Merkmale umsetzt, wenn du in der breiten Masse untertauchen möchtest und möglichst wenig von Muttersprachler*innen zu unterscheiden sein willst. Darunter fällt zum Beispiel die e-Schwa-Tilgung.
Für diejenigen Merkmale, die zwischen Muttersprachlern variieren, muss man auch wieder zwei Fälle unterscheiden:
Manche variieren zwar je nach Region, sind aber trotzdem im gesamten Sprachraum in allen Formen relativ verbreitet, und die Assoziation zwischen einer bestimmten Artikulationsform und einer bestimmten Region ist eher schwach, sodass es einfach eine große Toleranzspanne gibt. Darunter fällt zum Beispiel die Vokalisierung von r zu a-Schwa nach kurzen Vokalen. Es gibt eine gewisse Spannbreite an Formen, die allesamt akzeptiert werden. Egal ob du Sport also als [ʃpɔɐ̯t], [ʃpɔːt] oder [ʃpɔʁt] aussprichst – du würdest mit keiner dieser Formen aus der Masse hervorstechen.
Andere wiederum variieren nach Region und sind wirklich auch regional kodiert. Das heißt, dass Muttersprachler diese Formen einer bestimmten Region zuordnen und man dann auffällt, wenn man außerhalb dieser Region diese Form benutzt. Wenn du dich anpassen möchtest, möchtest du das vielleicht vermeiden. Andererseits ist es manchmal so, dass es einfach keine wirklich „neutrale“ und „überall akzeptierte“ Form gibt und du dich einfach entscheiden musst, ob du etwas zum Beispiel „eher nördlich“ oder „eher südlich“ sagst. Darunter fällt zum Beispiel die Artikulation der Endung -ig wie in wenig als [ɪç] (nördlich) oder [ɪk] (südlich). Egal welche dieser Formen du wählst, gibt es immer Regionen, in denen du damit auffallen würdest. Aber das ist am Ende für Muttersprachler*innen auch nicht anders. Falls du im deutschsprachigen Raum wohnst, kannst du einfach die Form wählen, die bei dir vor Ort am häufigsten ist.
Für alle diese Formen unter 2) ist es wichtig, sich auf Ambiguität einzulassen. Viele Menschen wünschen sich klare, eindeutige Regeln, auf die sie sich verlassen können, aber manchmal gibt es eben nicht die eine richtige Antwort, sondern mehrere richtige Antworten.
Anstatt daran zu verzweifeln, dass man nicht sagen kann, was wirklich richtig ist, freu dich lieber, dass dir in der Aussprache so viel Flexibilität erlaubt wird, denn das bedeutet auch, dass man es seltener falsch macht. Eine größere Toleranzspanne von akzeptierten Formen ist gut für dich, weil es das Risiko verringert, etwas falsch zu machen.
Mit welchen Erwartungen kannst du also an unseren Blog bzw. die Online-Akademie herangehen?
Im Allgemeinen streben wir an, dass du dich möglichst gut überregional anpassen kannst, soweit es geht. Allerdings haben wir einen Fokus auf Deutschland und depriorisieren andere deutschsprachige Länder.
Wenn du deine Aussprache systematisch und realitätsnah verbessern willst, findest du hier alle Optionen für einen strukturierten Einstieg in unsere Online-Akademie.
Clarissa ist qualifizierte und erfahrene Deutschlehrkraft mit einem Masterabschluss in allgemeiner Linguistik. Sie interessiert sich besonders für Phonetik und Phonologie und hat selbst schon viele Sprachen gelernt. Seit 2024 gehört sie zum Team der Online-Akademie.

















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